Bücher - Schreiberei

Leseprobe Einmal noch!

 

„Nun sänftigt sich die Seele wieder und atmet mit dem blauen Tag,

und durch die auferstand´nen Glieder pocht frischen Bluts erstarkter Schlag.

Wir sitzen plaudernd Seit´ an Seite und fühlen unser Herz vereint;

gewaltig strebt das Boot ins Weite,und wir, wir ahnen, was es meint.“

Christian Morgenstern

 

Das Sterben fühlte sich nicht so an, wie Mark es erwartet hatte. Es fühlte sich gar nicht aktiv an. Er brauchte eigentlich gar nichts zu tun. Es war auch kein Kampf. Bei einem fairen Kampf weiß man nicht unbedingt, wie er ausgehen würde. Hier stand der Sieger von vornherein fest. Es brauchte keinen Kampf. Mark hatte es sich dramatischer vorgestellt. Spektakulärer. Beeindruckender. Vielleicht auch beängstigender. Zumindest aber irgendwie… wichtiger. Jetzt kam sein Tod so banal. So beiläufig banal. Sogar ein bisschen enttäuschend banal. Wie eine Postwurfsendung, die auf einmal ganz einfach im Briefkasten liegt, ohne ein besonderes Aufheben um sich zu machen. Oder wie der Schornsteinfeger, der vor der Tür steht. Regelmäßig. Ungefragt. Einfach so. Es fühlte sich so an, als würde das Leben einfach aufhören. Als würde es einfach in ihm einschlafen. Er spürte, wie das Leben müde in ihm wurde. Sein Leben. Er war ganz ruhig. Vielleicht war es auch nur das Morphium, das ihn ruhigstellte. Oder das Adagio in G-Moll von Tomaso Albinoni, das leise im Hintergrund lief und mit seinen Violinen seine Seele sänftigte.

Sarah und die Kinder waren jetzt ohne Unterbrechung da. Und Lukas. Sie saßen die ganze Zeit an seinem Bett. Fast jede Minute. Sie saßen einfach da. Hielten seine Hand, erzählten, lachten, weinten, spielten ihm seine Lieblingsplatten von Miles Davis und Nils Landgren vor – oder eben das Adagio, sein Adagio - und verbreiteten Ruhe. Eine wohltuende Ruhe. Eine friedliche Ruhe. Manchmal auch eine traurige Ruhe.

Aber es war in Ordnung. Es war jetzt alles in Ordnung. Da war nichts mehr, was es zu sagen, was es zu tun gab. Es war alles gesagt. Es war alles getan. Fast alles. Sarah flüsterte ihm ins Gesicht, dass sie noch einmal von ihm geküsst werden wollte. Bitte. Einmal noch. Sie legte ihre Mund auf seine trockenen, rissigen Lippen. Mark versuchte einen Kuss. Sarah bedankte sich mit einem Kuss auf seine glühende Stirn. Mark schloss die Augen. Er sah ihre Tränen nicht mehr. Er selbst hatte keine mehr. Dann brauchten sie nur noch zu warten. Sie warteten. Um 17.51 Uhr hatte das Warten ein Ende. Das Leben war in Mark eingeschlafen. Er merkte es gar nicht. Es war gut. Er hatte es geschafft. Sie hatten es geschafft.

  Erstes Kapitel

Ich war wie vom Donner gerührt. So geht das nicht. Nein. So einfach kann er sich das nicht machen. Und mir auch nicht so einfach antun, dachte ich wütend. Ich hatte das anders erwartet. Ich hatte das nicht nuranders erwartet, ich hatte natürlich etwas vollkommen Anderes erwartet. Ich war wie erstarrt. Ich hörte zwar, was mein Arzt mir da sagte, erschrak auch, aber ich ärgerte mich in diesem Moment eigentlich mehr über das wie als über das was. Ganz ehrlich. So macht man das nicht. Der kann mir doch nicht einfach sagen, dass ich Krebs habe. Einfach so! Als wäre das das Normalste von der Welt. Als ginge es um Winterreifen aufziehen oder Kontoauszüge abheften.  

Gut, ich hatte keine Wunder erwartet, ich wusste ja, dass Ärzte auch nur Menschen sind. Oft auch nicht mal besonders sensible Menschen. Vielleicht war es für sie ja auch normal, solche Botschaften an den Mann oder die Frau zu bringen. War ja ihr tägliches Brot. Aber man selbst hört es doch nur einmal und das auch nur höchst ungern. Dass man todkrank ist. Und keiner einem sagen kann, wie es ausgehen wird. Dass das Leben auf einmal in Gefahr oder sogar am Ende sein könnte, dass man vielleicht sogar sterben würde. Da hat man doch Angst. Da erwartet man doch ein wenig mehr Einfühlungsvermögen, oder? Ich war empört. Ich war wütend. Nein, wenn ich ehrlich war, dann war ich völlig verstört. Dr.Matthiesen erklärte mir noch kurz, was jetzt als nächstes zu tun sei. MRT zur genaueren Diagnose, OP-Planung, Chemotherapie, Anschlussheilbehandlung und sowas alles. Er würde das alles in die Wege leiten und sich melden. Ich hörte das damals alles, verstand aber gar nicht, was mein Arzt da faselte, was er mir da sagen wollte. Ich wollte es auch gar nicht verstehen. Ich fand es in diesem Momen tauch nicht wichtig. Ich war sauer. Stinksauer. Über die Art und Weise, wie mein Arzt das alles sagte. Vielleicht schützte mich in diesem Moment der Ärger über die wenig sensible Art auch nur vor dem Schock, vor der Panik, die der Inhalt seiner Nachricht in mir sonst wahrscheinlich ausgelöst hätte.Hätte auslösen müssen. 

Dr. Matthiesen sagte noch so etwas wie, ich solle mal nicht den Kopf hängen lassen, noch hätten wir alle Möglichkeiten, jetzt müssten wir erst mal sehen. Er verabschiedete mich mit aufmunterndem Schulterklopfen. Matthiesen war ziemlich groß und es tat mir eher weh, als dass es mich aufmunterte. Ich erledigte noch unwillig bei den Sprechstundenhilfen den Papierkram, ließ mir über die Praxis einen Termin zum MRT in einer Radiologischen Fachpraxis in der Innenstadt geben und ging grußlos. Ich wollte nur noch raus. Ich stand auf der Straße. Ich stand da und fühlte mich, als sei ich aus der Zeit gefallen, aus der Welt heraus gefallen. Irgendwie hatte ich schlagartig den Kontakt zur Wirklichkeit verloren. Zur Wirklichkeit und auch zu mir selbst. Was war das gerade? Was hat der Doc mir da gerade erzählt? Meinte der mich? Wirklich mich? Mark Bornstedt? Meine Wirklichkeit fühlte sich auf einmal nicht mehr an wie die Wirklichkeit, die ich kannte, nicht mehr wie die, die um mich herum war. Ich fühlte mich wie in einer Parallelwelt. Wie in einer Welt aus Plastik, in der ich nur eine kleine Figur war. Jemandes Spielzeug. Eine Welt, die außerhalb von mir stattfand und nichts mit mir zu tun haben schien. Nichts mit mir zu tun haben wollte.