Bücher - Schreiberei

Einstein, Gott und meine Brüder - Leseprobe

 

Es bedarf deines Feindes und deines Freundes – im vereinten Werk – um dich bis ins Mark zu verletzen: Erster verleumdet dich, überbringt dir die Nachricht.

Mark Twain

 

Klammer auf: Jetzt fang ich an. Klammer zu.  

Dieses Buch ist eine Zumutung. Für mich, weil ich es schreiben musste. Für Sie, weil Sie es lesen müssen. Sie müssen natürlich nicht, Sie hätten es ja nicht zu kaufen brauchen. Haben Sie aber. Selbst schuld. Wenn ich Sie wäre, hätte ich das nicht getan. Wenn ich Sie wäre, würde ich es spätestens jetzt zurückbringen und umtauschen. Vielleicht finden Sie ja etwas Anderes. Etwas Nettes, einen Ratgeber, einen Liebesroman, einen Krimi, eine spannende Abhandlung über Immanuel Kants Vernunftsbegriff oder sonst irgendwas. Wenn ich Sie wäre, hätte ich dies Buch auch gar nicht schreiben müssen, weil ich ja dann Sie wäre. Und Sie hätten so ein Buch sicher nicht geschrieben. Und wenn Sie es geschrieben hätten, dann wäre das jetzt Ihr Buch und es wäre ganz anders geworden. Vielleicht schön. Oder sogar spannend. Oder wenigstens interessant. Und keine Zumutung. Dann stünde hier jetzt Ihre Geschichte und nicht meine. Hätten Sie mal. Sie hätten uns damit viel erspart. Haben Sie aber nicht. Also habe ich es geschrieben und darum steht jetzt meine Geschichte hierdrin. Nicht Ihre. Meine. Erwarten Sie also nichts, was mit Ihnen zu tun haben könnte.  

Ich habe auch noch nie ein Buch geschrieben. Ich habe das auch nie als Versäumnis oder gar als einen Mangel angesehen. Schon gar nicht als Lebensaufgabe. Ich bin der Letzte, der meint, dass man ein Buch in seinem Leben geschrieben haben muss. So wie einen Sohn zeugen, ein Haus bauen oder einen Baum pflanzen. Als Mann. Ich finde es sogar ausgesprochen aufdringlich, wenn irgendwelche langweiligen Menschen mich in meiner Freizeit mit irgendwelchen langweiligen Geschichten aus ihrem langweiligen Leben langweilen. Eigentlich habe ich auch gar keine Zeit für sowas. Ich habe genug mit den wirklichen Geschichten von wirklichen Menschen zu tun. Beruflich. 

So, das war das Vorwort. 

Klammer auf: Ich habe nur nicht daran gedacht, es oben drüber zu schreiben. Klammer zu. 

Einführende Einführung

Eigentlich wollte ich meine Steuererklärung machen. Was heißt, ich wollte? Ich musste! Ja, ich musste unbedingt in die Puschen kommen, dachte ich, denn das Finanzamt hatte schon die Abgabe der Steuererklärung angemahnt. Das Finanzamt mahnte mich eigentlich jedes Jahr. Einmal. Ich habe es immer darauf bewenden lassen. Und dann schätzte mich das Finanzamt. Jedes Jahr. Mal zu meinen Gunsten, mal zu meinen Ungunsten. Aber das war mir egal, das ging schon irgendwie auf. Ich zahlte, was sie haben wollten. Ich hasse Papierkram. Ich bin anscheinend allergisch gegen Formulare. Es muss eine ausgesprochen starke Allergie sein. Und Steuererklärung ist nun mal gar nicht mein Ding. Aber dieses Jahr mahnte mich das Finanzamt schon zum zweiten Mal. Das war ungewöhnlich. Ich merkte, irgendwie sitzen dir mir im Nacken. Es wird jetzt also dringend Zeit, dass ich das angehe, und wenn es mir noch so schwerfällt. Und dann kam vor ein paar Tagen auch noch dieser alles verändernde Brief von der Oberfinanzdirektion. Oberfinanzdirektion. Das ist noch mehr als Finanzamt. Man würde mich gern für eine erweiterte Betriebsprüfung besuchen kommen. Schon in zwei Tagen. Ach du liiiieber Himmel, dachte ich.  

Klammer auf: Wenn ich mich recht erinnere, dachte ich: 'Ach du Scheiße'. Aber ich weiß nicht, ob ich das hier so schreiben kann. Vielleicht sind Sie noch minderjährig und Ihre Mutter sieht das hier und ich hab' wirklich schon genug Ärger am Arsch. Klammer zu.

Irgendwann ist eben jeder dran. Dachte ich. Also setzte ich mich hin und hackte Zahlenwerk in meinen Computer, puzzelte Einnahmen und Ausgaben aus meiner Tätigkeit als freier Theologe zusammen, legte Tabellen an, guckte, was kann ich wo von der Steuer absetzen, wie kann ich mich armrechnen und wo, verdammt noch mal, ist der Kaufbeleg für das Notebook, das ich meinem Jüngsten zu Weihnachten gekauft habe und das jetzt irgendwie in mein Betriebsinventar einfließen musste, wenn ich denn wenigstens ein paar Euro vom Staat wiedersehen wollte? Wo steckst du, du mieser, kleiner Zettel?  

Steuererklärung ist eigentlich gar nicht schwierig. Ich hatte mir das alles gar nicht so einfach vorgestellt. Nur lästig. Besonders, wenn man Allergie hat. Irgendwann hatte ich alles beisammen, hatte all meine Belege, Rechnungen und Quittungen, die ich so im Laufe der letzten zehn Jahre in den geklauten REWE-Körben in meinem Schuppen hortete, sortiert und konnte anfangen.

Einnahmen minus Ausgaben gleich Gewinn. Gewinn gleich mein Einkommen. Mein Einkommen plus das Einkommen meiner Frau gleich Familieneinkommen vor Steuern. Familieneinkommen vor Steuern minus all das, was man so abziehen kann - Freibeträge, Altersvorsorge, besondere Belastungen, Versicherungen. So was eben. - gleich zu versteuerndes Einkommen. Gar nicht so eine große Sache, dachte ich. Hier noch ein paar kleine Radierungen, da noch ein paar fantasievolle Nachbesserungen und irgendwann hatte ich eine Zahl, mit der ich leben konnte. Ich war stolz. Meine erste richtige Steuererklärung. Sollte der Erbsenzähler doch kommen. Ich war vorbereitet. Und ich hatte mir das alles so einfach vorgestellt. Ich stellte mir immer alles so einfach vor.  

Der Betriebsprüfer kam, und nachdem wir ein wenig geplaudert hatten, präsentierte ich ihm mein Werk. Nicht ohne Stolz. Er überflog die Unterlagen kurz, schob sie beiseite und eröffnete mir sehr freundlich, dass er im Moment gar nicht so sehr an unserem Einkommen des letzten Jahres interessiert wäre, sondern vielmehr an meinen gesamten Umsätzen der letzten zehn Jahre. Seit ich selbständig wäre. Ich hätte nämlich noch nie die fällige Mehrwertsteuer an den Fiskus abgeführt. Wäre ihm aufgefallen. Dem Fiskus.

Ich erklärte ihm nachsichtig, haha, da hätte er sich den Weg zu mir aber sparen können. Ein Blick in meine Akte hätte ihm ja deutlich machen müssen, dass ich ja gar nicht mehrwertsteuerpflichtig wäre, weil ich doch als freier Pastor und Therapeut arbeitete und bei meiner Steuervoranmeldung mit meiner beginnenden Selbständigkeit vom zuständigen Finanzamt mehrwertsteuerfrei gestellt wurde. Das müsse er doch wissen!

Er erklärte mir vorsichtig, haha, aber nee, dies sei leider ein bedauerlicher Fehler des zuständigen Finanzamtes. Jeder macht mal einen Fehler. Auch Irre sind menschlich. Das täte ihm auch alles sehr leid, was mich allerdings nicht von meiner Umsatzsteuerplicht entbinde. Das müsse ich doch wissen! Ich hätte ja diese Umsätze schließlich vereinnahmt. Und nichts Anderes stecke hinter dieser Betriebsprüfung, fügte er bestimmt hinzu. So!  

Ich musste mich setzen und war heilfroh, dass ich schon saß, denn ich glaubte nicht, dass ich den Weg bis zum nächsten Stuhl unter diesen Umständen noch geschafft hätte. Ich jammerte, dass das doch wohl nicht wahr wäre und ob er sich vorstellen könne, dass das, wenn das wahr wäre, was er mir da gerade eröffnet hatte, meinen sofortigen Ruin bedeuten würde. Er sagte, ja, das könne er sich vorstellen. Aber er sei ja gar nicht so und er würde in vierzehn Tagen nochmal wiederkommen - immerhin gab er mir Zeit - und würde dann meine Bilanzen einsehen. Ich war erledigt. Mein Leben war zu Ende. Mit Mitte fünfzig. Bilanzen. Für zehn Jahre! Ich hatte noch nie eine gesehen, geschweige denn, eine erstellt.  

Klammer auf: Ich weiß, dieser Part dieses Buches ist etwas schwierig. Aber bei Dostojewski hat man sich auch erst nach vierhundert Seiten eingelesen. Klammer zu.  

Mir wurde schlagartig klar: jetzt bräuchte ich Ordnung. Ordnung war leider auch nicht meins. Noch nie.

Und nun sitze ich hier vor meinem Computer und kann von vorn anfangen. Für zehn Jahre Umsatzsteuer ausrechnen. Und dann wohl pleitegehen. Was für eine Aussicht. Ich hasse das. Und ich habe auch keine Lust.  

Also fange ich lieber an zu schreiben. Das hier. Das liegt mir auch viel mehr, wenngleich ich auch keinerlei Erfahrung im Bücherschreiben habe. Ich bin nämlich eigentlich ein Redenschreiber. Ein Redner. Sagt das Finanzamt. Und das Finanzamt hat immer Recht. Die Oberfinanzdirektion noch viel mehr. Ich dachte, ich wäre freier Theologe und Therapeut. Denkste. Als freier Theologe und Therapeut wäre ich nämlich tatsächlich von der Umsatzsteuer befreit und ich könnte mir das hier alles ersparen. Und Ihnen auch. Als Redner aber nicht. Und darum schreibe ich dieses Buch. Als Mann, als Ehemann, als Vater, als Bruder, Sohn und Freund, als Theologe und Wissenschaftler, als ich und als Steuersünder.

Klammer auf: Aber keine Sorge, eigentlich geht es in diesem Buch gar nicht um Steuern. Klammer zu.

Erstes richtiges Kapitel

Ich hätte mir nie träumen lassen, eines Tages in eine solche Situation zu kommen. Pleite zu sein und ein Buch zu schreiben

.Klammer auf: Ich sage das nur, damit Sie nicht denken, ich würde das ja nur sagen, damit ich für später - sozusagen jetzt schon vorausbefürchtend - eine Entschuldigung hätte. Ich brauche keine Entschuldigungen. Dafür ist es auch viel zu spät. Klammer zu.

Gut, ich hatte mir so einiges nicht träumen lassen, was dann aber doch über mich kam, wie ein Sommergewitter bei strahlendem Sonnenschein. 

Dass meine geliebte Frau vor fünf Jahren mit Mitte vierzig an einem ganz furchbaren Tumor erkranken würde, dass mein ältester Sohn aus meiner ersten Ehe einmal spiel- und drogensüchtig werden könnte, weil er mit seiner Mutter nicht zurechtkommen kann, oder sie nicht mit ihm zurechtkommen will, dass das Dach meines Hauses schon nach zehn Jahren so marode werden würde, dass es komplett erneuert werden musste und ich auf den Kosten sitzen blieb, weil der Dachdecker mittlerweile insolvent war, dass mein hochintelligenter Vater mit 83 Jahren von einem zum anderen Tag so dement würde, dass er in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung untergebracht werden musste, weil er alle Leute um sich herum verprügelte, dass ich mit Anfang fünfzig aus heiterem Himmel einen Schlaganfall erleiden würde und schon gar nicht, dass die Oberfinanzdirektion Hannover für zehn Jahre die Mehrwertsteuer auf alle meine Einkünfte haben will, und zwar bitte sofort, was natürlich meinen wirtschaftlichen Ruin nach sich ziehen wird und was ich mir nun so gar nicht hatte träumen lassen wollen, warum auch, wär ich ja schön blöd, ist ja ein Albtraum.  

Klammer auf: So wie der vorstehende Satz. Und ich verspreche, das war der längste Satz in diesem Buch. Der längste, der schwierigste und der schlechteste. Klammer zu.

Bis vor fünf Jahren war mein Leben eigentlich in Ordnung. Nein, das stimmt nicht. Mein Leben war nicht in Ordnung. Mein Leben war schon immer das diametrale Gegenteil von Ordnung, es war das reinste Chaos. Aber ich mochte das. Ich mochte das sogar sehr. Mein Leben war großartig, es war bunt, aufregend und schnell. Es war toll, es war noch viel mehr als das, es war ganz wunderbar. Ich war der glücklichste Mensch der Welt, so glücklich, wie ich es mir in meinen kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können. Ich hatte einen tollen Beruf, war erfolgreich, ich war gesund, ich hatte zwei tolle Söhne, ich hatte ein tolles Haus, viele Freunde und vor allem: ich war damals seit fast zwanzig Jahren glücklich verheiratet. Mit meiner Frau, der wohl besten aller denkbaren Frauen. Ephraim Kishon hatte ja keine Ahnung. Meine ist die beste Ehefrau von allen. Nicht seine. Meine. Bis heute.  

Und ich kann das beurteilen, denn ich war schon mal verheiratet...