Bücher - Schreiberei

Türen - Leseprobe

 

Es ist ein Gesetz im Leben:

Wenn sich eine Tür vor uns schließt, öffnet sich eine andere.

Die Tragik jedoch ist, dass man meist nach der geschlossenen Tür blickt

und die geöffnete nicht beachtet.

Andre Gidé

 

Es war noch stockdunkel, als ich plötzlich wach wurde. Keine Ahnung, was mich da so schlagartig aufschrecken ließ. Ich hatte weder bewusst etwas Besonderes noch etwas besonders Beängstigendes oder Schönes geträumt, noch plagte mich irgendein Schmerz. Ich erinnerte mich auch nicht an ein ungewöhnliches Geräusch, das mich aus dem Schlaf gerissen hatte. Da war nichts, was meinen Schlaf so jäh beendet haben konnte. Gar nichts. Zumindest war mir nichts aufgefallen. Aber nun war ich wach. Vollkommen wach. Da es schon Mitte Juni war, musste es noch ziemlich früh gewesen sein. Vielleicht gegen zwei, drei Uhr. Von Tageslicht oder wenigstens einem beginnenden Sonnenaufgang war jedenfalls noch nichts zu sehen. Ich hasste es, wenn ich so früh wach wurde. Es war die Pest. Und das passierte mir in letzter Zeit leider ziemlich oft. Ich hasste es vor allem, weil ich dann in aller Regel nicht wieder einschlafen konnte und in so eine Grübelphase fiel, auf die ich um diese Uhrzeit nun so überhaupt keine Lust hatte. Hast du den Müll rausgestellt? Wieso sieht dein Sohn dir eigentlich so gar nicht ähnlich und wie gewöhnst du es dem Hund dieses… Nachbarn Suhrbein, ab, ständig in deinen Garten zu kacken? Diese Fragen bohrten mit schönster Regelmäßigkeit in mir und in der Einsamkeit der Nacht fühlte ich mich ihnen immer hilflos ausgeliefert. Ich hasste das. Auch, weil ich natürlich keine Antworten hatte.

Selbstverständlich waren da auch ab und an Fragen zu tagespolitischen Themen und weltbewegenden Problemen. Welchen Einfluss hat die Frisur der Kanzlerin auf den Syrien-Konflikt? Was wäre, wenn Putin ein Eichhörnchen wäre? Wie lange dreht die Welt sich wohl noch, wann führt Schäuble die steuerliche Absetzbarkeit für blöde Gedanken ein und warum ist Abkürzung eigentlich ein so langes Wort? Fragen über Fragen. Ich hasste es wirklich, wenn ich des Nachts von solch überflüssigen und auch nur wenig sinnvollen Gedanken gequält wurde. Aber das ging mir schon immer so. Schon in meiner Jugend bewegten mich Fragen, über die der Rest der Welt anscheinend gar nicht nachdenken wollte. Manchmal lag ich stundenlang wach und oft half dann nur die intensive Beschäftigung mit anderen Vorstellungen. Nach dem Onanieren – und dem anschließenden Händewaschen natürlich - schlief ich dann auch meistens wieder ein. Wenn auch mit so einem leise nagenden Schuldgefühl. Aber selbst dazu hatte ich heute seltsamerweise keine Lust. Ich lag da, hing meinen verquasten Gedanken nach und hoffte, dass ich möglichst schnell wenigstens ein paar umfassende Antworten auf die drängendsten Probleme dieser Welt finden würde, damit ich wieder einschlafen konnte.

Aber als ich in dieser Nacht in mich hineinschaute und auf das Auftauchen jener existentiellen Fragen wartete, die mich normalerweise in solchen Nächten übermannten und quälten, war da komischerweise nichts. Da waren gar keine Fragen. Da waren keine und ich konnte auch keine finden, so gründlich ich auch suchte. Keine weltbewegenden und auch keine banalen. Gar keine. Keine Ahnung, wo die abgeblieben waren. Vielleicht hatte jemand anderes mittlerweile all diese Probleme gelöst und die wichtigsten Antworten einfach gefunden? Heute Nacht? Während ich schlief? Hatte all diese Fragen beantwortet und damit war ich sie los und der blöde Hund des Nachbarn würde nie wieder in meinen Garten scheißen? Eine wohlige Wärme durchzog mich. Auf einmal hatte ich das Gefühl, dass ich sofort wieder einschlafen könnte. Tief befriedet und frei von irgendwelchen überflüssigen Fragen oder Gedanken. Aber weit gefehlt. Daraus wurde seltsamerweise nichts. Ich verstand das gar nicht. Da war also augenscheinlich noch irgendetwas, das mich daran hinderte, wieder tief in das Reich der Träume einzutauchen. Aber ich hatte keine Ahnung, was das sein konnte? Was hielt mich da mitten in der Nacht, mitten in der tiefsten Finsternis so wach?

Vielleicht war es aber auch schon viel, viel später und es war schon hell draußen. Vogelgezwitscher war jedenfalls schon zu hören. Aber die kleinen Störenfriede trällern ja auch meist schon gegen drei Uhr morgens los. Ich wusste ehrlicherweise gar nicht, wie spät es wirklich war, denn ich hatte die Augen noch geschlossen. Das fiel mir erst gar nicht weiter auf, denn ich befand mich noch in so einer Art postschläfrigem Dämmerzustand. Dachte ich. Ich grübelte meistens mit geschlossenen Augen. Vorsichtig versuchte ich, in die Welt hinaus zu blinzeln. Aber meine Lider waren unglaublich schwer. Ich bekam sie gar nicht auf. Äußerlich musste ich also doch noch sehr müde gewesen sein, obwohl ich doch innerlich schon so wach war. Ich versuchte es nochmal. Nichts. Vielleicht waren sie ja doch schon auf und ich sah nur nichts, weil es draußen eben doch noch stockdunkel war. Mit aller Macht versuchte ich erneut, die Lider zu öffnen, aber sie bewegten sich einfach nicht. Ich war doch etwas verwirrt. Dann eben nicht, bemühte ich mich zu denken. Und vor allem zu beruhigen. Aber auch dieses Bemühen war nicht von sonderlichem Erfolg gekrönt. Es beunruhigte mich schon etwas. Ich atmete tief durch. Mehrmals. Ganz ruhig. Ganz tief. Aber auch selbst dieses Durchatmen war irgendwie anders als sonst. Ich hatte gar nicht das Gefühl, dass sich meine Lungen mit Sauerstoff füllten, ich spürte auch nicht, dass sich mein Brustkorb irgendwie hob oder senkte. Ich wurde allmählich immer unruhiger und beschloss, jetzt auch mal dringend körperlich richtig wach zu werden, damit der Spuk endlich ein Ende hätte. Ich streckte mich. Lange und ausgedehnt. Jede Faser meines Körpers sollte sich dehnen und mir die Müdigkeit aus den Knochen vertreiben. Nichts. Ich streckte mich zwar bewusst in alle Himmelsrichtungen, aber ich rührte mich nicht. Die Unruhe schwoll unaufhörlich in mir an. Und auch mein Versuch, mir die Augen zu reiben, scheiterte. Meine Hände verweigerten den Gehorsam und reagierten nicht auf meinen Befehl. Ich verstand nichts. Gar nichts. Ich war hellwach, aber mein Körper schnarchte offensichtlich seelenruhig vor sich hin. Eigentlich schnarchte er aber gar nicht. Zumindest konnte ich nichts hören. Wahrscheinlich schlief ich einfach noch tief und träumte diesen ganzen Quatsch hier nur. Ich beschloss, genau das anzunehmen und versuchte, mein Bewusstsein in eben den Zustand zu versetzen, in dem mein Körper sich offenbar noch befand. In tiefen, tiefen Schlaf. Ich schloss also meine Augen, aber die waren ja schon zu. Immer noch zu. Ich versuchte, die Augen wenigstens innerlich zu schließen, sozusagen, diese eigenartige Wachheit in meinem dösenden Körper wieder einzuschläfern, aber auch das ging nicht. Mein Geist war ganz wach und klar. Ich war ratlos und ich sorgte mich nun doch schon sehr. So etwas hatte ich dann doch noch nie erlebt.

Vielleicht sollte ich es mit Entspannungsübungen versuchen? Ich hatte mal autogenes Training gelernt, als ich eine Zeitlang chronische Kopfschmerzen hatte. Das hat eigentlich immer ganz gut geklappt. Ganz ruhig und bewusst gegen den Schmerz anatmen, tief und gleichmäßig, die Konzentration ganz auf den Luftstrom gerichtet. Aber wie schon kurz zuvor konnte ich überhaupt keine Reaktion in oder an meinem Körper wahrnehmen. Ich atmete zwar möglichst gleichmäßig, bemühte mich, wie ich es gelernt hatte, den Atem so tief wie möglich in die letzten Ecken und Winkel meines Leibes zu schicken… nichts. Es gab keinen Atemwiderstand, es gab keinen Luftstrom. Nichts. Mein Brustkorb blieb völlig unbewegt, und ich schaffte es nicht mal in Gedanken, auch nur einen einzigen Bereich meines Inneren mit meinem Odem zu berühren. Nichts. Gar nichts. Ich hatte in meinem Leben ja schon eine Menge Mist geträumt, manchmal, weil ich etwas entsprechend Fieses erlebt hatte, manchmal, weil ich vielleicht etwas zu viel getrunken oder zu fett gegessen hatte. Aber so was Verwirrendes war mir wirklich noch nie passiert. Ich wusste überhaupt nicht, was ich machen sollte. Da meine Frau Gisela und ich schon seit Jahren, eigentlich schon seit Anfang unserer Ehe getrennte Schlafzimmer hatten, weil ich normalerweise so entsetzlich schnarchte und sie auch sowieso nie das Bett mit mir teilen wollte, konnte ich sie auch nicht leise ansprechen, um ihr zu sagen, dass sie mich bitte mal kurz kneifen solle. Laut durchs Haus brüllen wollte ich auch nicht. Außerdem trug sie nachts immer Gurkenmaske und Oropax. Sie hätte mich sowieso nicht gehört. Ich wusste auch gar nicht, ob ich überhaupt in der Lage war, etwas zu sagen. Ich versuchte es lieber nicht. Nicht mal ganz leise. Ich hatte Angst.

Offensichtlich war ich also in einer Art Traumschleife gefangen, aus der ich für den Moment irgendwie nicht herauskam. Das war für mich durchaus eine befremdliche Situation, da ich aber auch nichts weiter vorhatte und auch nicht in der Lage war, irgendetwas anderes zu tun, entschied ich mich, die Zeit bis zu meinem Erwachen mit Nachdenken zu verbringen. Aber nicht mit Grübeln. Nein, ich wollte jetzt nicht einfach so planlos in der Gegend herumgrübeln, wie ich es sonst in den nicht enden wollenden wachen Stunden schlafloser Nächte immer tat, darüber etwa, warum einsilbig eigentlich dreisilbig ist oder warum Faulenzen ein Tätigkeitswort ist. Nein, ich wollte nachdenken. Richtig nachdenken. Über Fragen, die mich wirklich bewegten. Darüber etwa, ob ich glücklich war oder nicht, darüber, ob ich alles erreicht hatte, was ich in meinem Leben so erreichen wollte, darüber, was ich noch für Ziele, Wünsche und Pläne hatte, darüber, was ich vielleicht alles falsch gemacht hatte oder ob ich eventuell jemandem etwas schuldig geblieben war. Ich wollte auch darüber nachdenken, ob ich möglicherweise doch mal eine Diät machen sollte, schließlich hatte ich in den letzten Jahren ordentlich an Gewicht zugelegt. Überhaupt wollte ich die Gelegenheit dieses so merkwürdigen Zustandes, aus dem es im Augenblick für mich kein Entrinnen zu geben schien, nutzen, um über meine Lebensweise, meine Ideale und mein Leben in Gänze nachzudenken. Vielleicht wollte mein Körper mich durch seine Verweigerung auch einfach mal zu einer intensiven Beschäftigung mit diesen Fragen zwingen oder doch zumindest dazu ermutigen. Einfach mal in Ruhe nachdenken. Einfach mal auf das Wesentliche konzentrieren. Ich machte es mir in meiner derzeitig vollkommen unbeweglichen Hülle so gemütlich es irgend ging. Einfach mal aus der Not eine Tugend machen.

Ich lag da, grübelte in die Nacht hinein – dabei wollte ich doch eigentlich nachdenken – und mir fiel nichts ein. Absolut nichts. Nicht, dass es über mich nichts nachzudenken gegeben hätte; mir fiel nur nichts ein. Nicht unter diesen doch sehr merkwürdigen Umständen. Stattdessen nur Grübelei. Was soll das hier? Was passiert mit mir gerade? Was hat diese katatonische Starre mit meinem Dasein zu tun? Ich versuchte, die kruden Gedanken zu vertreiben, verzweifelt an irgendetwas anderes zu denken. Versuchte mich mental auf meine bevorstehende Prüfung zur höheren Beamtenlaufbahn im Finanzamt vorzubereiten. Obwohl ich schon im nächsten Jahr in den Ruhestand versetzt werden sollte, wollte ich es noch einmal wissen. Ich versuchte mir vorzustellen, wie ich den nächsten Urlaub mit meiner Frau Gisela und ihrer Mutter in Bad Fallingbostel gestalten würde. Versuchte mir auszumalen, was für eine Ehrung und Dankesrede des örtlichen Taubenzüchtervereins ich wohl anlässlich meiner 25-jährigen Vorstandsarbeit erwarten dürfte. Überlegte, was ich wohl frühstücken würde, wenn mein Körper hoffentlich irgendwann in seine gewohnte Geschmeidigkeit zurückgefunden hätte. Es half alles nichts. Die Gedanken und Ideen fuhren in meinem Kopf Karussell und jedes Bemühen, strukturiert nachzudenken, mündete in dumpfer Grübelei.

Also verbrachte ich die Zeit eben mit Grübeln. Aber sie schien einfach nicht vergehen zu wollen, dabei hatte ich sicherlich schon zwei, drei Stunden in diesem denkwürdigen Zustand verbracht. Es wurde irgendwie auch gar nicht heller um mich herum. Aber wie auch, ich bekam die Augen ja auch gar nicht auf. Also Grübeln. Na gut. War ja nicht das erste Mal. Vielleicht würde ich mich nach dem Mittagessen noch einmal hinlegen und den versäumten Schlaf nachholen können. Aber nicht einmal das Grübeln schien mir richtig zu gelingen.

Außerdem war da noch eine Sache, die mich verunsicherte. Normalerweise konnte ich keine zehn Minuten auf einer Seite liegen bleiben, wenn ich wach war. Ich musste mich eigentlich ständig umdrehen. Aber jetzt hatte ich gar nicht das Gefühl, irgendwie unbequem zu liegen. Ich hatte überhaupt kein Gefühl. Dafür beschlich mich eine Ahnung. Eine böse Ahnung. Aber ich traute mich gar nicht, diesen Gedanken überhaupt nur anzudenken. Aber auf der anderen Seite konnte ich jetzt, da er einmal da war, diesen Gedanken auch gar nicht wieder aus meinem Kopf verbannen. Was, wenn ich...?

Um diesen verrückten Gedanken wieder loszuwerden, drehte ich mich wenigstens innerlich um. Erstaunlicherweise - vielleicht auch erschreckenderweise - gelang mir das sogar ganz gut. Wenngleich ich auch noch vor ein paar Stunden gar nicht in der Lage war, mich überhaupt zu bewegen, so gelang es mir jetzt doch zumindest innerhalb meines Körpers. Das war ein ganz irritierendes Gefühl. Nach außen war es mir nicht möglich, auch nur eines meiner Gliedmaßen zu bewegen, aber innerhalb meines vor sich hin liegenden Kadavers konnte ich mich auf einmal relativ problemlos und frei bewegen. Ich konnte mich innerlich drehen, von links nach rechts bewegen, ich konnte mir innerlich sogar an die Nase fassen, obwohl sich weder mein Arm noch meine Hand auch nur einen Millimeter rührten. Im Innern konnte ich meinen Arm aus der äußeren Hülle meines Armes ziehen und mich sogar selbst am Kopf kratzen. Aber nur innen. Das hatte ich jetzt aber auch bitter nötig, denn ich war vollkommen verstört. Aber wenn ich ehrlich bin, dann war dieser Zustand nicht einmal besonders unangenehm. Irgendwie hat sich das sogar auf eine ganz besondere Weise angenehm und leicht angefühlt. Was immer das für ein abgefahrener Traum war, er begann mich zu interessieren. Ich wollte wissen, welche absonderlichen Dinge mir in diesem Traum noch passieren würden.

Mir fiel ein, dass ich vor Jahren einmal diese Magenoperation hatte, nach der ich solche Schwierigkeiten mit dem Narbengewebe am Ansatz der Speiseröhre hatte. Bestimmte Speisen, besonders, wenn sie sehr scharf waren, schienen diese Narben zu reizen und das machte mir dann immer erhebliche Probleme. Ich nahm an, dass es so etwas wie Sodbrennen war. Am liebsten hätte ich diese Narbe immer mit einem nassen, kühlen Lappen abgedeckt, um das Brennen zu lindern. In meiner Fantasie schien mir das jedenfalls Linderung zu versprechen. Aber das ging natürlich nicht. War Blödsinn. War klar. Ich musste mir dann mit Tabletten Erleichterung verschaffen. Aber dennoch. Jetzt wollte ich es wissen. Ich wollte es wissen, weil ich auf einmal das Gefühl hatte, dass es mir jetzt möglich war. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Zumindest erwartete ich, dass es mir unter dieser etwas absurden Situation bis zum Hals schlug. Hätte schlagen müssen. Aber es schlug gar nicht. Komisch. Ich zog zunächst meine Finger aus meiner Hand, zog dann meine Hand ganz vorsichtig vorbei an meinem Ellenbogen aus meinem Arm nach oben – das ging völlig problemlos - zog sie durch die Schulter, vorbei an Schlüsselbein und Kehlkopf in den Hals. Ich hielt einen Moment inne. Mit der Hand in der Kehle. Schon irgendwie surreal, dachte ich. Ich wartete einen Moment. Dann traute ich mich weiter. Langsam schob ich die Hand in meine Brust, fand beide Lungenflügel und auch mein Herz. Es ruhte tatsächlich völlig regungslos in meiner Brust. Keine pumpende Bewegung ging von ihm aus, kein Blutstrom wurde von ihm in Schwung gehalten. Nichts. Merkwürdig und beängstigend zugleich. Ich ertastete endlich die Speiseröhre, fingerte mich Stück für Stück an ihr herunter und fand letztlich die Stelle, an der sie an den Magen angenäht worden war. Ganz vorsichtig fummelte ich am Magenansatz herum. Da war aber nichts Auffälliges, befand ich mit einiger Verwunderung. Ich konnte zwar die Narben spüren, hier und da eine kleine Verdickung, aber nichts, was mir weh tat, nichts, was irgendwie die Beschwerden der letzten Jahre erklären konnte. Es fühlte sich im Wesentlichen alles ganz weich und locker an. Am liebsten hätte ich mir das in diesem Moment einmal aus der Nähe angesehen, schoss es mir in den Sinn. Einfach mal den Blick nach innen richten. Ich dachte einen Moment nach. Warum eigentlich nicht? Wenn es mir in meinem sonderbaren Zustand möglich war, meine Hand durch meinen Körper wandern zu lassen, auch wenn ich jegliche Kontrolle über meinen äußeren Leib verloren zu haben schien, warum sollte ich nicht auch einfach mal meinen Blick in mein Innerstes werfen können? Ich war aufgeregt. Fruchtbar aufgeregt. Ich verstand zwar nicht, was da mit mir passierte, aber es war zumindest höchst spannend. Ich konnte also offensichtlich völlig problemlos körperlich in mir herumspazieren. Und das war, so sehr es mich auch verwirrte und ängstigte, allemal besser, als sinnlos in der Gegend herum zu grübeln. Nun wollte ich sogar einen Blick riskieren.

Ich hielt das in diesem Moment für eine höhere, eine ganz tiefe Form der Entspannung. Autogenes Training, In-Blowing, Selbsthypnose, das alles war mir durchaus vertraut. Diese Techniken habe ich schon oft angewandt, wenn ich mich mal wieder mit meiner allgegenwärtigen Herzneurose ängstigte, wenn ich drohte zu hyperventilieren oder einfach überzuschnappen oder mich eben schlaflos im Bett herumwälzte. Und das passierte mir ziemlich oft. Ich brauchte das zur Beruhigung. Und ich musste mich eben oft beruhigen. Weil ich vor so vielen Dingen Angst hatte. Eigentlich hatte ich immer Angst. Ständig. Angst vor anderen Menschen, weil ich andere Menschen nicht mochte. Angst vor Beziehungen, weil sie ohne andere Menschen nicht möglich waren. Angst vor Sex, weil Sex Beziehungen mit anderen Menschen bedingte. Angst vor Ablehnung durch andere Menschen, denen ich gegen meinen Willen irgendwie verbunden war. Durch Beziehung. Durch Sex. Wodurch auch immer. Aber Angst vor Ablehnung war immer da. Vor allem. Ich war ein neurotischer Typ. Verarmungsängste, Schuldängste, Beziehungswahn. Beziehungswahn ist, wenn man alles auf sich bezieht. Jeden Blick so deutet, als führe der Andere etwas im Schilde, als hätte alles, was geschieht, mit einem selbst zu tun, als wäre jede Katastrophe für einen selbst bestimmt. Wenn man alles in Beziehung zu sich selbst setzt. Troubardix-Syndrom. Wo ich bin, regnet es. Da guckt doch einer komisch. Die tuscheln da doch irgendwas. Die Preise für Öl sind doch nur jetzt gestiegen, weil ich jetzt Öl für unsere Heizung kaufen musste. Alles abgekartet. Alles geplant. Alles gegen mich. Das ist Beziehungswahn. Nicht schön, aber da. Bei mir war das immer da. Mein Psychiater diagnostizierte irgendwann mal eine paranoide Persönlichkeitsstörung. Die sei in meiner Kindheit entstanden, vermutete er. Frühkindliche Traumata, die nicht verarbeitet wurden. Blöde Erlebnisse, die ich verdrängt hatte und die mich jetzt eben aus dem Unterbewusstsein heraus umtrieben. Keine Ahnung. Kann sein. Vielleicht bin ich deshalb auch beim Finanzamt gelandet. Ich weiß es nicht. Kann sein. Aber ich weiß es nicht. Ich weiß auch gar nicht, ob ich das wissen will. Aber ich will das auch nicht überbewerten. Ganz ausschließen kann und will ich das allerdings auch nicht. Ich bin ja kein Psychiater. In diesem Moment war es mir auch egal. Völlig egal.

*

Eigentlich bin ich ganz normal groß geworden. Ich wurde am 29. Februar 1952 geboren. In der Nähe von Hamburg. Einzelkind, das nur alle vier Jahre einen richtigen Geburtstag hatte, Eltern, die ihre ganze Liebe und ihre ganze Fürsorge, vor allem aber auch ihre ganze Hoffnung in mich steckten, was immer das für Hoffnungen waren. Aus mir sollte einmal etwas werden. Ich war der Prinz, ohne dass ich – soweit ich mich erinnern konnte – auch entsprechend königlich oder wenigstens fürstlich hätte aufwachsen dürfen. Ein Prinz ohne Krone, dafür mit Erwartungen, die mindestens so schwer auf mir lasteten wie eine Zehn-Kilo-Krone aus purem Gold. Ja, meine Eltern erwarteten eine Menge von mir. Vor allem mein Vater. Der erwartete immer von mir, dass ich ganz Außerordentliches leistete. Was das war, das war mir damals allerdings nicht klar. Aber in jedem Fall entsprach ich dem nicht. Nicht immer. Oder nur selten. Eigentlich nie. Ich war immer irgendwie zu kurz, zu klein, zu schwach. Ja, das war das Gefühl meiner Kindheit und Jugend. Zu kurz. Mein Vater, ein kleiner Polizeiobermeister der alten Schule, dafür aber von großgewachsener Gestalt, der seine Heimat in Ostpreußen nach dem Krieg als junger Mann aufgeben musste, war streng. Sehr streng. Ein preußischer Beamter wie aus dem Bilderbuch. Er erwartete absoluten Gehorsam, uneingeschränkte Anerkenntnis seiner Autorität und widerspruchsloses Einfügen in seine Entscheidungen. Wenn er zuhause war, dann verschloss er sich meist in seinem Lesezimmer hinter einer schweren dunklen Tür. Dieses Zimmer war sein Heiligtum. Niemand außer ihm selbst durfte es betreten. Wenn meine Mutter etwas von ihm wollte, dann klopfte sie und wartete demütig, bis er herauskam und ihr mildtätig Audienz gewährte. Nie hätte sie es gewagt, einfach in dieses Zimmer einzutreten. Für mich war dieses Zimmer völlig tabu. Der Thronsaal, zu dem der Prinz aber keinen Zutritt hatte. Niemals und unter gar keinen Umständen. Hinter dieser Tür traf er seine Entscheidungen, die er seiner Frau und mir dann später beim Essen verkündete.

Eiserne Disziplin, erbarmungslose Selbstkasteiung, absolute Leistungsbereitschaft und strikter Gehorsam. Das waren die Maxime seiner Erziehung. Das war seine Welt. Und er war durchaus bereit, seine Universalherrschaft über mich nicht nur mit guten Worten, klaren Anweisungen auszuüben, sondern sie auch mit Gewalt durchzusetzen. Aus Liebe natürlich. Schläge waren ein ständiger Begleiter meiner frühen Jahre. Schläge, die mich auf den rechten Weg bringen sollten, mich zurechtschubsen und meinem holprigen und unnützen Dasein Richtung weisen sollten. Die aber auch immer ganz schön wehtaten, denn mein Vater hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, mich mit einem geflochtenen Teppichklopfer zu verprügeln, damit sich seine liebende Hand nicht an mir versündigen würde. Ich wusste nicht, ob der Teppichklopfer unterscheiden konnte, ob er nun gerade einen alten, aber wahrscheinlich sehr wertvollen Teppich vom Dreck des täglichen Daseins befreien durfte, oder nur meinen Arsch versohlte. Es war mir auch egal. Aber zu Teppichen hatte ich seitdem eine ganz besondere Beziehung. Ich wäre niemals auf die Idee gekommen, einfach achtlos auf ihnen herumlaufen, sondern suchte immer blitzschnell Muster, Bahnen und Formen in ihnen, die meine Schritte vielleicht lenken, ihnen Richtung und Struktur geben konnten. Sie waren geschundene Kreaturen. Wie ich. Und da die Teppiche in unserem Haus regelmäßig einmal in der Woche ausgeklopft wurden, auch wenn ich auf ihnen überhaupt keinen Schmutz entdecken konnte, so empfand ich auch die regelmäßigen Schläge meines Vaters als präventive Maßnahme, damit sich in mir gar nicht erst etwas Schlechtes, etwas Schändliches oder gar Unnützes festsetzen könnte. Dass es ihm mehr weh tat als mir, wie er mir immer wieder versicherte, war mir indes nicht immer so ohne weiteres einsichtig.

Meine Mutter war zwar nicht so streng, traute sich aber nicht, gegen meinen Vater aufzubegehren. Er hätte es auch niemals zugelassen. Und auch nicht verstanden. Seine Weltordnung wäre wahrscheinlich krachend eingestürzt, wenn sie sich ihm zu widersetzen gewagt oder auch nur Einwände, Zweifel oder gar Widerworte verlautbart hätte. Das war völlig ausgeschlossen. Ich spürte schon sehr früh, dass sie unter ihm litt. Unter seinem Erziehungsstil, unter seiner Dominanz, unter seiner Strenge und auch unter der Herrschaft, die er über sie ausübte. Aber dennoch liebte sie ihn auch. Bestimmt. Irgendwie. Auf ihre Weise. Sie hatte ja nie etwas Anderes kennengelernt und für sie war es vollkommen normal, dass ihre Rolle darin bestand, ihn zu bewundern, zu verwöhnen, voller Stolz zu ihm aufzublicken und ihn demütig zu bedienen. Sie hätte weder sein Handeln noch sein Tun in irgendeiner Weise kritisieren oder gar seine uneingeschränkte Autorität in Frage stellen können. Meine Mutter ging auch nicht arbeiten, obwohl sie gern irgendeiner beruflichen Tätigkeit nachgegangen wäre, die ihr ein paar Stunden der Freiheit und der Selbstbestimmtheit ermöglicht hätten. Sie war immerhin gelernte Krankenschwester und hatte bis zu ihrer Hochzeit in einer hamburgischen Kinderklinik gearbeitet. Ich konnte mir gut vorstellen, dass sie – zumindest in Teilzeit – hätte arbeiten wollen. Aber das ließ mein Vater nicht zu. Sie hatte zuhause zu sein und sich um Haushalt und Kind, also mich, zu kümmern. Also kümmerte sie sich. Sie war liebevoll, sie spielte mit mir, sie tröstete mich, wenn mein Vater mich wieder mal ausklopfte und sie starb, als ich neun Jahre alt war. Irgend so eine sagenumwobene Frauenkrankheit raffte sie einfach dahin. Was genau sie hatte, erfuhr ich nicht. Mein Vater hat nie darüber gesprochen. Nie. Das blieb immer ein wohlgehütetes Geheimnis. Wahrscheinlich war ihr Tod so eine Art Fluchtreflex. Ich weiß es nicht. Die Tür zu meiner Kindheit war jedenfalls durch einen Windhauch des Schicksals schlagartig zugeschlagen und die Türen zu meiner Zukunft waren für mich noch fest verschlossen.

Mein Vater verbitterte in dieser Zeit zusehends. Er sprach nicht mehr und zog sich immer mehr zurück. Wohin er sich zurückzog, war mir damals nicht klar. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er sich in so etwas wie eine Binnenwelt seines eigenen Ichs zurückzog, weil ich mir sicher war, dass er gar kein Inneres besaß. Zumindest war da für mich kein Inneres erkennbar. Ich fand auch keine Tür, die an oder in diesen geheimen Ort geführt hätte. Da war nichts. In meinen Augen bestand er nur aus Äußerem. Da war nur eine harte Schale, aber kein weicher Kern. Kein Kern, in den ich oder sonst irgendjemand hätte vor- oder gar eindringen können. Gar kein Kern. Ich hatte auch zunehmend das Gefühl, dass er mir die Schuld am Tod meiner Mutter gab. Wahrscheinlich war ich nicht brav genug, nicht fleißig genug, nicht groß genug, nicht stark genug. Nicht genug genug. Ich übernahm mit der Zeit diese gefühlte Schuldzuweisung, machte sie mir immer mehr zu Eigen und schämte mich. Ich wünschte mir insgeheim manchmal, er hätte mich noch öfter mit diesem Teppichklopfer verdroschen. Vielleicht hätte sich dann in mir nicht so viel Schuld ansammeln können. Aber mit dem Tod meiner Mutter, hörte er schlagartig auf, mich zu verprügeln. Gerade dann, als ich es am meisten gebraucht hätte. Gerade dann, als ich mir wünschte, er hätte mich totgeprügelt.

Ich wurde zu einer Tante, der Schwester meiner Mutter, nach Schillig an die Nordsee verfrachtet, wo ich die Jahre bis zum Abitur verbringen sollte. Tante Hedwig. Mein Vater sah sich nicht mehr in der Lage dazu, weiterhin die Erziehungsverantwortung für mich zu übernehmen und ich mich nicht in der Lage, diese Verantwortung über mich ergehen zu lassen. Gemeinsam mit einer Dame vom Jugendamt wurde also diese innerfamiliäre Lösung gefunden, die mich zumindest vor einem Heimaufenthalt bewahren sollte. Ich wurde nicht gefragt, was ich wollte. Es war mir eigentlich auch egal. Ich wusste auch gar nicht, was ich wollte oder ob ich irgendetwas wollte. Die Aussicht, nicht in ein Heim zu müssen, beruhigte mich allerdings schon. Ein Abschied von meinem Elternhaus fand nicht statt. Nicht wirklich. Es war mehr so, als würde ich auf Klassenfahrt fahren. Mein Vater brachte mich zum Zug, half mir immerhin, meinen Koffer im Zugabteil zu verstauen, verabschiedete sich, indem er mir zwanzig Mark für die erste Zeit in die Hand drückte und ging. Er ging, ohne sich noch einmal umzudrehen. Und ich fuhr.

 Meine Tante Hedwig war eine einfache, aber eigentlich sehr zärtliche Frau, die mit ihrem Mann Franz und ihren beiden Töchtern Christa und Ute in einem wunderschönen kleinen Haus lebte, das direkt am Deich stand. Und obwohl es permanent hilflos dem tosenden Nordseewind ausgesetzt war, strahlte es dennoch Schutz und Geborgenheit aus. Mit stoischer Ruhe trotzte es wie selbstverständlich den Elementen. So wild der Sturm draußen auch tobte, wenn die schwere eichene Haustür erst einmal geschlossen war, dann herrschte Ruhe im Haus. Himmlische, nichts erschütternde Ruhe.

Wie es sich für richtige Friesen gehörte, wurde dort nicht viel gesprochen. Nur das Nötigste. Aber immerhin: wenn meine Tante und ihre Familie miteinander sprachen, dann taten sie es freundlich und einander zugewandt. Sogar mit mir. Besonders Tante Hedwig und Onkel Franz. Die Mädchen waren eben Mädchen. Deshalb ging es mir am besten, wenn sie mich nicht mit ihrem präpubertierenden Gezicke nervten und mich einfach in Ruhe ließen. Sie taten es. Meistens. Ich glaube, ich tat ihnen irgendwie leid. Ich auch. Ich tat mir auch leid. Vielleicht fanden sie mich auch einfach nur seltsam oder komisch. Kann sein. Das kann natürlich auch sein.

Ich sah meinen Vater in diesen Jahren nur sehr selten, verbrachte ab und zu mal die Ferien bei ihm, war aber immer froh, wenn ich zurück an die Nordsee konnte. Nicht, dass ich mich dort sonderlich heimisch fühlte, ich fühlte mich eher sonderlich. Aber in seiner Gegenwart fühlte ich mich noch kleiner, noch ungenügender und noch schuldiger, als ich mich ohnehin schon immer fühlte. Und ich fühlte mich ausgeschlossen. Er schloss mich aus seinem Leben aus. Hatte mich ja nie wirklich daran teilhaben lassen. Aber nach dem Tod meiner Mutter war ich vollends ausgeschlossen. Ich wusste nicht, ob er noch arbeiten ging, ob er vielleicht schon pensioniert oder vielleicht auch krankgeschrieben war. Er schien nur noch hinter dieser Tür, die zu seinem Lesezimmer führte, zu existieren. Selbst wenn ich bei ihm war, verbrachte er die meiste Zeit darin. Und ich blieb außen vor. Er gewährte mir keinen Einblick. Einmal, als er irgendwelche Besorgungen zu erledigen hatte, wagte ich, diese Tür zu öffnen. Einen Spalt nur. Mehr traute ich mich nicht. Überall an den Wänden waren Bilder meiner Mutter. Und Bilder der Mutter Gottes. Maria. So hieß meine Mutter auch. Maria. Ich schloss die Tür wieder. Mehr traute ich mich nicht.

*

Mein Blick ruhte ganz entspannt in meinen Augen. Ich hatte, seit ich mit Schrecken feststellte, dass ich meine Lider nicht öffnen konnte, meinen Blick bewusst geschlossen gehalten. Aber nun, nachdem es mir auf so eigenartige Weise gelungen war, mich zumindest körperlich innerhalb meines so regungslos, in sich selbst erstarrten Leibes zu bewegen, wollte ich unbedingt einen, nein, meinen Blick auf, nein, in mein Inneres richten. Meine Hand lag noch immer schützend um den Übergang von Speiseröhre zum Mageneingang. Ich atmete tief ein – wenn auch nur innerlich – und öffnete vorsichtig meinen Blick. Nur meinen Blick. Die Augen blieben geschlossen. Ich konnte sie auch nach wie vor gar nicht öffnen. Selbst dann nicht, wenn ich es gewollt hätte. Aber mein Blick öffnete sich. Es dauerte eine Weile, bis er sich an die Dunkelheit, die in meinen Augenhöhlen herrschte, gewöhnte. Ganz schemenhaft nahm mein Blick ein fahles Licht durch die geschlossenen Lider wahr. Es war wohl draußen mittlerweile doch schon hell geworden. Aber durch die dünne, feinädrige Haut, die sich über meine Augäpfel wölbte, war nichts Genaueres als dieses diffuse Licht zu erkennen. Vorsichtig richtete ich meinen Blick nach links, ich sah die Innenseite meiner Schläfe. Auch hier nahm ich durch die relativ dünne Haut zwischen Augenhöhlenknochen und Schläfenbein ein schummriges Licht wahr. Dann lenkte ich meinen Blick einmal von innen die Stirn hinauf, er durchdrang völlig problemlos die dünne Knochenplatte der Schädelbasis. Ganz zögerlich. Wollte ich das sehen? Wollte ich in das Zentrum meiner Persönlichkeit und meiner Gedanken, die mich so oft verwirrten und verstörten, vordringen? Wollte ich das? Ganz vorsichtig wagte ich mich voran. Ich richtete meinen Blick auf mein Schädelinneres oberhalb der Basis und war erstaunt, wie zerklüftet, wie verwunden und grau der Cortex Frontalis an meiner Stirnplatte klebte. Es sah schon ein wenig enttäuschend aus. Oder ernüchternd. Oder ekelig. Ich richtete meinen Blick ins Zentrum meines Schädels, wo ich einen erhabeneren Anblick meines Gehirns erwartete. Aber auch der Rest meines Denkapparates, auf den ich meinen Blick nun richtete, erschien mir nicht gerade wie ein Wunderwerk der Evolution oder gar die Krönung des schöpferischen Schaffens eines genialen Gottes zu sein. Es war eine merkwürdige blassgraue Masse, die mich spontan eher an unentwirrbar miteinander verknotete, nicht mehr ganz frische Weißwürste denken ließ, als an ein hochentwickeltes Organ. Wie sollte man mit so einem Durcheinander überhaupt einen klaren Gedanken fassen? Manche Stellen waren etwas bräunlich, an anderen Stellen klafften merkwürdig große Löcher zwischen den einzelnen Würsten und ich fragte mich, ob sich da vielleicht so etwas wie eine Alzheimer Erkrankung andeutete? Mir fiel ein, dass ich in der letzten Zeit schon etwas vergesslich wurde. Manchmal kam ich nicht auf einen, mir eigentlich vertrauten Namen, mal fiel mir eine Steuerverordnung nicht ein oder ich vergaß einfach, meiner Schwiegermutter einen guten Tag zu wünschen. Insgesamt war ich schon sehr enttäuscht von diesem hässlichen Ding da in meinem Kopf und ich wunderte mich schon einigermaßen, dass man mit so einem unansehnlichen und ekligen Klumpen überhaupt schöne Gedanken entwickeln konnte. Dass sich so ein Ding so etwas Kreatives wie Musik und Literatur, Liebesschwüre oder verschiedene Mehrwertsteuersätze ausdenken konnte. Oder solche Gedanken, die ich mir in diesem Moment machte. So kann man sich irren. Dachte ich mit diesem Ding. Ich hatte das Gefühl, dass sich die Weißwürste in meinem Kopf noch etwas fester miteinander verknoteten.

Ich trennte angewidert und auch etwas gekränkt meinen Blick von meinem Gehirn und ließ ihn langsam durch den vorderen Bereich meines Kopfes hinunter durch die Nebenhöhlen in den Mund, den Hals und diesmal auch bewusst durch den Kehlkopf die Speiseröhre hinab gleiten. Ich wollte mir das von innen anschauen. Aber auch das war kein besonders erhebender Anblick, dachte ich angeekelt. Überall waren da so kleine. lappige Aussackungen, in denen sich noch irgendwelche Essensreste befanden. Hier und da ein paar warzenartige, blutgefüllte Verknorpelungen, die auch keinen sonderlich appetitlichen oder wenigstens gesunden Eindruck auf meinen Blick machten. Insgesamt war ich schon ziemlich erschüttert über den Anblick, den mein Innerstes mir bot. Endlich erreichte mein Blick die Stelle, an der meine Speiseröhre meinen Magen erreichte. Mein Blick sah sich um. Es war auf die Schnelle nichts zu sehen, was jetzt besonders auffällig gewesen wäre. Die Narbe sah auf den ersten, zugegebenermaßen eher laienhaften Blick gut aus, es war alles gut verwachsen. Zumindest schien es so. Wahrscheinlich war da auch gar nichts und ich bildete mir die Schmerzen über all die Jahre nur ein. Ich bildete mir ja immer viel ein. Und hielt es dann für wahr. War mir jetzt auch egal. War mir in diesem Moment auch zu kompliziert. Ich hatte jetzt andere Probleme.

Während meine Hand jetzt meinen Magen von außen abtastete, machte sich mein Blick auf den Rückweg. Er hatte genug gesehen. Er wollte zurück. Dieser Ausflug war nicht sonderlich erquicklich für mich. Im Gegenteil. Mein Blick hatte die Nase voll. Gestrichen voll. Ich fragte mich kurz, ob ein Blick überhaupt eine Nase hatte? Ich wusste es nicht und darum verwarf ich diesen blöden Gedanken auch schnell wieder. Weil er blöd war. Ein wirklich blöder Gedanke. Auch meine Hand hatte jetzt genug. Meine, hilflos in meinem Inneren herumtastende Hand hatte diagnostisch nichts zur Klärung meiner derzeitigen Situation beitragen können. Gar nichts. Handarbeit hatte ich nie einen besonderen Wert beigemessen. Ich war immer mehr ein Kopfmensch. Und mein Kopf sagte mir jetzt, dass es Zeit wurde. Es wurde Zeit, dass dieser Spuk ein Ende hatte. Ich versuchte, mich innerlich allmählich wieder zu sortieren, schob meine Hand zurück in meinen Arm, bettete meinen Blick wieder in meine Augen, versuchte mich innerlich wieder in meine äußere Hülle hineinzufinden und wartete ungeduldig darauf, nun endlich richtig wach zu werden. Oder einzuschlafen. Ich glaubte allerdings nicht, dass ich nach diesem absurden Trip in mein Inneres noch einmal würde einschlafen können. Der Kopf war viel zu wach und viel zu aufgeregt, um jetzt die nötige Ruhe zu finden. Dann jetzt bitte wenigstens richtig wach werden. Ich hatte genug. Und ich war verängstigt. Verängstigt, verwirrt, verzweifelt und irgendwie fühlte ich mich völlig hilflos. Das musste jetzt enden. Am liebsten sofort. Aber jeder Versuch, nach dieser verstörenden Reise in mein Inneres auch wieder die Kontrolle über mein Äußeres zu erlangen, scheiterte kläglich. Ich wusste nicht weiter.

*

Ich wusste oft nicht weiter. Vielleicht lag das daran, dass ich oft einfach nicht weiterwusste. Vor allem, wenn mir niemand sagte, wie es weitergehen würde. Oder sollte. Oder müsste. Seit dem Tod meiner Mutter wusste ich nicht wirklich weiter. Ich konnte mir auch gar nicht vorstellen, dass es ein „weiter“ geben könnte. Wo sollte das auch sein? Oder wie? Seit damals hatte ich auch keine eigenen Entscheidungen mehr getroffen. Ich hatte mich einfach gefügt. In den Tod meiner Mutter, in die Härte meines Vaters und in die Barmherzigkeit meiner Tante Hedwig. Auch in die Zickigkeit meiner Cousinen fügte ich mich letztlich. Nicht, dass sie nicht freundlich zu mir gewesen wären. Mir gegenüber waren sie freundlich. Meistens. Vielleicht war es auch nur Mitleid, das sie mir gegenüber freundlich sein ließ. Kann sein. Aber sie waren eben auch Mädchen. Und da die beiden ein wenig älter als ich waren, nahmen sie mich nicht sonderlich ernst. Sie gaben mir mit ihrem Mädchensein immer irgendwie das Gefühl, dass ich nicht richtig war, dass mit mir etwas nicht stimmte. Dass ich nicht in Ordnung war. Nicht wie sie. Sie wussten, was sie wollten, wussten mindestens genauso gut, was sie nicht wollten und vor allem wussten sie, wie sie beides durchsetzen konnten. Ständig lachten oder tuschelten sie über irgendetwas, das ich nicht verstand, andauernd begeisterten oder ereiferten sie sich für oder über etwas, das ich nicht nachvollziehen konnte. Ich fand einfach keinen Zugang zu ihrer Welt und meine blieb ihnen auch verschlossen. Aber wahrscheinlich hatte ich im Gegensatz zu ihnen auch gar keine Welt. Vielleicht war ich weltenlos. Ich wusste auch nicht, was ich wollte. Weder hatte ich eine konkrete Vorstellung davon, was ich später einmal beruflich machen würde, noch gab es etwas, wofür ich mich begeistern konnte. Sie wussten, was sie wollten. Christa wollte Kosmetikerin werden und Ute wollte heiraten. Irgendwie. Oder geheiratet werden. Das war ihr Plan. Ich hatte keinen Plan. Ich hatte nichts. Keine besonderen Hobbys, keine tiefergehenden Interessen, die mich umtrieben. Ich machte einfach, was man von mir erwartete, was man mir vorschlug oder für mich entschied. Ich ging zur Schule, weil ich zur Schule gehen musste, ich ließ mir die Haare schneiden, wenn meine Tante meinte, es sei Zeit dafür, ich mähte den Rasen oder ging Fußball spielen, wenn Onkel Franz mich dazu aufforderte und ich hielt die Klappe, wenn meine Cousinen über irgendwelche Mädchengeschichten tratschten.

Freunde hatte ich damals eigentlich auch nicht. Ich hatte Klassenkameraden, mit denen ich die Schulbank drückte. Ich hatte andere Kinder, die mit mir gemeinsam hinter dem Ball herrannten, sich aber vor allem über mich lustig machten, weil ich nicht so der allertollste Spieler war. Ich war einfach zu schmächtig, zu zurückhaltend, um mich gegen andere Mitspieler durchzusetzen. Ich hatte Mitkonfirmanden, die mit mir die Gebote und die Gebräuche der Kirche lernten. All das hatte ich. Wie jeder andere auch. Aber ich hatte keine Freunde. Ich wollte auch keine Freunde. Nicht solche. Ich konnte mit dem, womit sich andere Jungen in meinem Alter befassten, einfach nichts anfangen. Es war mir zu roh, zu laut, zu gewaltsam. Wie mein Vater. Der war auch roh, auch wenn er seine Rohheit unter dem Gewand einer strengen, protestantisch-preußischen Rechtschaffenheit und Disziplin zu verbergen versuchte. Ich vermisste meine Mutter. Ich vermisste ihre Zartheit, ihre Liebe, ihre unbedingte Liebe. Tante Hedwig bemühte sich. Sie bemühte sich wirklich. Sie war auch lieb. Vielleicht hatte sie mich sogar lieb. Irgendwie. Aber sie war anders. Sie war eben nicht meine Mutter.

Ich hatte mich irgendwann dazu entschlossen, die Zeit bis zu meinem Erwachsensein einfach zu ertragen. Sie einfach auszuhalten. Ich hatte auch gar nicht vor, sie irgendwie zu gestalten. Ich wollte sie nur ertragen. Sie hinter mich bringen. Wie eine Grippe. Meine späte Kindheit und frühe Jugend wurde mir zu einer Tunnelzeit. Zu einer Zeit, durch die ich einfach hindurchmusste, wenn ich von einer hellen Zeit, die irgendwo, lang vergessen, hinter mir lag, zu einer anderen hellen Zeit, die irgendwo, noch nicht zu erahnen, vor mir liegen sollte, zu gelangen. Ich durchschritt diesen Tunnel, ohne den Tunnel selbst als etwas Wichtiges wahrzunehmen. Er war nur da. Wie die Zeit. Einfach da. Ich musste da hindurch. Ich hatte auch keine Vorstellung davon, was mich am Ende dieses Tunnels erwarten würde. Ich hatte kein Bild von dem Licht, das da vielleicht auf mich warten würde. Wenn es denn überhaupt auf mich warten würde. Dennoch musste ich durch dieses Dunkel hindurch, auch wenn es kein Weiter gab, das mich antrieb. Es zog mich auch nichts. Nein, das vor mir liegende Licht zog mich nicht. Ich konnte es ja nicht einmal sehen. Nein, ich ging, weil ich gehen musste. Weil man mir sagte, ich müsste da hindurch. Also ging ich einfach. Durch die Zeit, durch meine Kindheit, durch meine Jugend, ohne wirklich weiter zu wissen. Ich ging nur. Das einzig Gute war, dass ich von ganz allein groß wurde. Ich brauchte dafür nicht viel zu tun. Es geschah einfach. Ich ließ es einfach geschehen. Ich ging durch eine Tür hindurch, nur um bald durch eine andere hindurch schlüpfen zu können.

*

Ich fand die Tür nicht, die mich aus meinem furchtbaren Zustand herausführen und mir den Weg in die Freiheit aus diesem Gefängnis meines momentanen Daseins hinausweisen könnte. Wenn ich nicht sicher gewesen wäre, dass mein Herz schon seit Stunden nicht mehr geschlagen hatte, so hätte ich vermutet, dass mein Puls wohl gerast wäre. Hätte rasen müssen. Aber mein Herz lag nach wie vor völlig untätig in meiner Brust. Auch hatte mein Inneres mittlerweile das Gefühl, dass mein Äußeres sich immer mehr abkühlte. Ganz allmählich nur, aber stetig. Mein Inneres fing an, in dem, was mein Äußeres war, zu frieren. Ja, ich fror. Irgendwie fing es auch an, komisch in mir zu riechen. Es roch so… fremd. Und allmählich wurde das, was vor ein paar Stunden nur eine böse Ahnung war, was ich für einen nicht enden wollenden Albtraum hielt, eine immer schwerer auf mir lastende Gewissheit, vor der ich die Augen nicht mehr verschließen konnte.


Ich war tot.


Gestorben.



Vor Stunden wahrscheinlich schon.


In der Nacht irgendwann.


Einfach so.


Vielleicht an einem Herzinfarkt.


Oder einem Schlaganfall.


Oder an irgendwas.


Mit gerade mal vierundsechzig Jahren.


Und ich hatte nichts gemerkt.


Ich merkte ja nie etwas.


Nie.


*

Ich merkte wirklich nie etwas. Zumindest meinte ich das. Und die anderen meinten das auch. Nahm ich jedenfalls an. Vielleicht stimmte das auch. Ich merkte nicht, wie krank meine Mutter damals war. Meinten sie. Ich merkte nicht, wie sehr mein Vater sich um meine Mutter sorgte. Meinten sie. Ich merkte nicht, was auf mich zukommen würde, wenn es so kommen würde, wie sie befürchteten, dass es kommen würde. Mein Vater glaubte, ich merkte nicht, wie sehr er unter dem Tod meiner Mutter litt, weil er sich bemühte, seinen Schmerz unter Härte und Eiseskälte zu verbergen. Er ließ mich seine tiefe Trauer nicht merken. Meinte er.

Tante Hedwig meinte, ich merkte nicht, dass ich nicht ihr leiblicher Sohn war, sondern sie mich nur aus familiärer Barmherzigkeit bei sich aufnahm. Sie bemühte sich wirklich, mich wie ihr eigen Fleisch und Blut zu behandeln. Es mich nicht merken zu lassen. Onkel Franz meinte, ich merkte nicht, wie enttäuscht er war, dass aus mir kein Fußballer, kein Vorzeige-Schüler oder wenigstens ein Raufbold wurde. Schließlich war ich jetzt wie sein Sohn. Und als mein zugewiesener Vater wollte er stolz auf mich sein. Er ließ mich seine Verachtung nicht merken. Meinte er. Meine Cousinen hofften, ich merkte nicht, wie sie sich über mich lustig machten, über mich herzogen oder mich vor ihren Freundinnen als Schwuchtel oder Hansel bezeichneten. Sie ließen mich ihren Spott nicht merken. Meinten sie. Meine Klassenkameraden meinten, ich würde nicht merken, wie sie über mich ablästerten, weil ich mich nicht mit anderen prügeln wollte, nur, weil sich alle prügelten. Meinten, ich würde nicht merken, wie sie mich demütigten, weil ich kleiner war, schmächtiger, rothaariger als sie. Sie ließen mich ihre Geringschätzung nicht merken. Meinten sie. Sie alle meinten, ich merkte das nicht. Und vielleicht merkte ich all das auch wirklich nicht. Wollte das wahrscheinlich auch nicht merken. Merkte es nicht, weil ich Angst davor hatte, irgendetwas zu merken. War im Tunnel. Wollte nur da durch. Ans Licht. Wenngleich ich auch nicht wusste, ob da überhaupt ein Licht war. Ich merkte einfach nichts davon.

*

Ich war also gestorben und offenbar wohl schon eine ganze Weile tot, als ich erwachte. Eine andere Erklärung fiel mir beim besten Willen nicht ein. Ich musste schon deshalb tot gewesen sein, weil ich, seit ich wach war, überhaupt nichts vom Sterben mitbekommen hatte. Wenigstens das Sterben hätte ich doch registrieren müssen. Als eine Tür vom Hier ins Dort. Oder so. Aber nein, ich habe nichts gemerkt. Wie immer. Nur, dass alles so anders war, so merkwürdig. So befremdlich, dass ich es für einen Traum hielt. Für einen Traum, den ich vielleicht wie die Zeit einfach aushalten musste. Wie die Zeit, wie den Tunnel. Einfach durch. Aber das hatte ich ja versucht. Erfolglos. Also war ich wohl tot. Einfach tot.

Wenigstens außen. Innen fühlte ich mich indes ziemlich lebendig. Das war schon eine Ausnahmesituation für mich. Das kannte ich nicht. Woher auch? Ich war ja noch nie tot. Einfach aufwachen und tot sein? Damit hatte ich keinerlei Erfahrung. Gar keine. Damit hatte ich auch nicht gerechnet. Aber nun schien es so zu sein. Einfach so. Ich hatte so etwas immer für unmöglich gehalten. Ich dachte, man müsste es doch irgendwie merken, dass es zu Ende geht. Dass man stirbt. Ich merkte nichts. Ich war einfach tot. Bloß so. Und außer mir wusste noch niemand etwas davon. Vermutete ich. Wie auch? Mir war es ja selbst gerade erst aufgefallen. Fing gerade erst an, mich mit diesem Gedanken vertraut zu machen, mich an diesen Gedanken zu gewöhnen. Bisher hatte ich mir über den Tod oder das Totsein auch noch überhaupt keine Gedanken gemacht. Warum auch? Natürlich hatte ich hier und da schon mal ans Sterben gedacht, ich war ja nun auch mittlerweile vierundsechzig Jahre alt. Da kann so was schon mal ganz schnell gehen. Fällt einfach um, wird schwer krank. Hörte man ja immer wieder. So etwas. Natürlich hatte ich schon mal darüber nachgedacht. Aber nur so am Rande. Ganz kurz und oberflächlich. Und natürlich gehofft, dass es schnell und ohne große Schmerzen vor sich gehen würde. Und mir diese Gedanken ganz schnell wieder aus dem Kopf geschlagen. Und nun war es offensichtlich so. Und es ging, wie erhofft, schnell und sogar völlig unbemerkt. Ja, ich musste mich selbst erst einmal an diesen Gedanken gewöhnen.

Ich wusste auch nicht, wie ich ihn finden sollte. Diesen Gedanken. Eigentlich hätte er mir Angst machen müssen. Dieser Gedanke. Dass ich tot war. Aber zu meinem Erstaunen ging es mir bei diesem Gedanken nicht so schlecht, wie zu erwarten war. Wie ich erwartet hatte. Ich hatte nämlich erwartet, dass mich die Gewissheit, dass ich tot war, in tiefe Verstörung stürzen würde, in heillose Panik versetzen oder mich wenigstens in tiefe Trauer werfen würde. Ich dachte zumindest, dass es so sein würde. Dass es so sein müsste. Aber jetzt, da mir klar wurde, dass ich wohl tot war, stellte sich das ganz anders dar. Keine Panik, keine Angst, keine Bestürzung, Trauer oder Verwirrung. Nichts davon. Im Gegenteil. Die Stunden vorher, als ich hilflos und unsicher durch meinen Körper streifte und das alles für einen bösen, für einen besonders perfiden Traum hielt, empfand ich als viel verwirrender. Auch mein Leben setzte mich oft viel mehr unter Stress. Jetzt, da ich wusste, dass ich höchstwahrscheinlich tot war, machte mir das deutlich weniger Schwierigkeiten. Im Gegensatz zu vorher herrschte jetzt wenigstens wieder eine, wenn auch merkwürdige, Ordnung.

Tot zu sein war vielleicht kein besonders anzustrebender Zustand. Sicher nicht. Aber er bot mir zumindest wieder eine gewisse Struktur an. Die verstörende Situation der letzten Stunden war dagegen reinstes Chaos. Und ich hasste Chaos. Immer schon. Wenn ich etwas partout nicht leiden konnte, dann war das Chaos. Falsch einsortiertes Besteck in der Küchenschublade. Nicht korrekt zusammengelegte Unterwäsche im Kleiderschrank. Naturbeete. Am meisten hasste ich Naturbeete. Ja. Wo einfach alles durcheinander wachsen durfte, wie es wollte. Ohne Ordnung, ohne Struktur und ohne erkennbaren Plan. Wie gesagt, der Gedanke, tot zu sein, war nicht schön, aber immerhin einigermaßen ordentlich. Das beruhigte mich. Wenn es mich auch nicht glücklich machte.

*

Ich war nie glücklich. Ich wusste auch gar nicht, was das sein sollte? Glück. Was war schon Glück? Meistens war Glück nur die Abwesenheit von Unglück, dachte ich. Wenn ich nicht unglücklich war, musste ich wohl glücklich sein. Ausschlussprinzip. Ich hielt das sogar für so logisch, dass ich es obendrein auch noch für wahr hielt. Ich dachte, damals, als meine Mutter noch lebte, wäre ich glücklich gewesen. Ich dachte das, weil ich unglücklich war, als sie nicht mehr da war. Also musste ich früher glücklich gewesen sein. Dachte ich. Allerdings hatte in meiner Erinnerung Glück gar keinen eigenen Wert. Es hatte auch kein spürbares Gefühl hinterlassen und ich lernte erst viel später, dass Glück eben nicht nur die Abwesenheit von Unglück war. Ich war nicht glücklich, als sie noch da war, ich war nur weniger unglücklich. Mit ihr wäre ich wahrscheinlich nur weniger unglücklich gewesen. Immerhin. Aber sie hätte mich nicht glücklich gemacht. Nicht glücklich machen können. Vielleicht hätte sie mich weniger unglücklich gemacht. Aber das wäre ja auch schon etwas gewesen. Glück war also nicht nur die Abwesenheit von Unglück. Nein, glücklich war ich auch nicht, als sie noch da war. Nur sicherer, aufgehobener. Aber nicht glücklich. Ich erinnerte mich auch nicht mehr so genau.

So richtig glücklich war ich, soweit ich mich erinnerte, nur einmal. Als ich meinen ersten Orgasmus hatte. Da war ich ungefähr vierzehn. Ich lag in der Badewanne im Haus meiner Tante – ich badete für mein Leben gern – und fing irgendwann einfach an, an mir herumzuspielen. Zunächst etwas unmotiviert und orientierungslos. Als ich aber merkte, welch angenehmes Gefühl ich dabei hatte, mit zunehmender Vehemenz. Diese Vehemenz, dieser Lustgewinn steigerte sich selbst noch, als sich in dieses äußerst angenehme, mir so fremde Kribbeln in meiner Leistengegend so etwas wie Schuld mischte. Schuld kannte ich ja. Und etwas Schönes als absolute Größe gestand ich mir damals nicht zu. Ich ging plötzlich mit einer Zielorientiertheit zu Werke, die ich gar nicht kannte. Ich wollte dieses Ziel, von dem ich keine Vorstellung hatte, wie, wo und was dieses Ziel sein konnte, erreichen. Um jeden Preis. Und dann war es da. Das Ziel. Und es zerriss mich schier. Es war ein so unglaubliches Gefühl, weil es einfach aus mir selbst heraus erstand, aus dem Unerwarteten, aus dem Nicht-Gekannten. Und das Unglück stand dabei wie selbstverständlich Pate. Es stand einfach dabei und ließ dem Glück neben sich einfach großzügig Platz. Und der Schuld. Sie konnten einfach gleichzeitig da sein. Das Unglück, das Glück und die Schuld. Ich konnte mitten im Unglück glücklich sein. Damals gab es keine Abwesenheit von Unglück. Es war nur Glück dazugekommen, ein Glück, das ich völlig sinnlos – oder besser sinnfrei – in den Abfluss unserer Badewanne schleudern konnte. Glück konnte ich schleudern. Was für ein Gefühl. Das einzige Gefühl, das ich nur für mich hatte und zu nichts in Beziehung stand, außer zu mir selbst. Mein Gefühl. Ein Gefühl, das ich mit niemandem teilen musste. Das ich für mich haben durfte. Nur für mich. Mehr hatte ich nicht. Und meistens schämte ich mich für dieses Gefühl. Verbot es mir. Das Glück. Meistens. Wegen der Schuld.  

*

Und nun lag ich da. Tot, aber dennoch merkwürdig in Ordnung. Oder gerade deswegen. Wie gesagt, der Tod machte mich nicht gerade glücklich. Wie auch? Aber er machte mich auch nicht unglücklich. Überhaupt nicht. Und seltsamerweise fühlte ich mich auch überhaupt nicht schuldig. Kein Stück. Schuld war in diesem Zustand offensichtlich keine relevante Größe mehr. Weder Glück, Unglück noch Schuld schien es noch für mich zu geben. Nichts mehr davon. Die schienen sich, als sich der Tod in mir ausbreitete, einfach aus dem Staub gemacht zu haben. Dafür machte sich jetzt in mir so eine merkwürdige Ruhe breit. Ja, irgendwie beruhigte mich der Gedanke, dass ich tot war. Statt Unglück, Glück und Schuld herrschten nun Ruhe und Ordnung. So, wie ich es am liebsten hatte. Vor allem Ordnung. Und wenn dieses Gefühl von Dauer sein sollte, dann war ich gern bereit, dafür mein Leben zu lassen. Das war es wert. Mein Inneres streckte sich entspannt in meinem Äußeren aus. Aber ich merkte auch, dass ich hier nicht länger bleiben konnte. Ich fror nun doch ganz fürchterlich.

*

Ich muss gerade siebzehn gewesen sein, als mein Vater starb. Eigentlich starb er gar nicht, sondern er nahm sich das Leben. Länger hielt er es ohne meine Mutter nicht aus. Machte sich mit seiner alten Dienstpistole in seinem Lesezimmer ein Loch ins Herz. Darin war etwas, das raus musste. Es brauchte dieses Loch, weil es so eng darin geworden war. Der Schmerz musste über die Jahre in seinem Herzen so angeschwollen sein, dass kein Platz mehr für etwas Anderes darin war. Auch nicht für mich. Auch mich vertrieb der Schmerz endgültig aus seinem Herzen. Die letzten zwei Jahre vor seinem Tod hatte ich ihn nicht mehr gesehen. Wir hatten zwar immer mal wieder miteinander telefoniert, aber uns nichts zu sagen. Und nicht gesehen. Nicht mal an Weihnachten oder zu den Geburtstagen. Er hatte immer irgendwelche Entschuldigungen und Ausreden, warum er mich nicht sehen konnte. Oder wollte. Mal schob er eine Krankheit vor, mal irgendwelche Termine. Wahrscheinlich konnte er meine Gegenwart einfach nicht ertragen, weil ich ihn vielleicht zu sehr an meine Mutter erinnerte oder der Gedanke, dass ich schuld an ihrem Tod war, sich in ihm festsetzte. Nicht, dass ich ihn vermisst hätte. Nein, ich habe ihn nicht vermisst. Aber ich war es seit dem Tod meiner Mutter gewöhnt, ihn alle zwei Monate und auch in den Ferien zu besuchen. Regelmäßig. Ich freute mich nie sonderlich auf diese Treffen. Sie waren für mich wie Zahnarztbesuche. Nicht schön, aber notwendig. Ich hatte auch Angst vor dem Zusammensein mit meinem Vater. Er machte mir diese Angst, weil er durch sein still vor sich hin leidendes Auftreten dieses Schuldgefühl in mir nur noch verstärkte. Er sprach einfach nicht mit mir. Zumindest über nichts, was über meine Essenswünsche oder die Abfahrtzeit des Zuges, der mich wieder zurück zu meiner Tante bringen sollte, hinausging. Die Wochenenden, an denen ich ihn besuchte, zogen sich endlos wie Kaugummi. Er schwieg vor sich hin, er seufzte vor sich hin und wartete darauf, dass er wieder in seinem Lesezimmer verschwinden konnte, weil ich fernsah oder ins Bett ging. Und wenn ich den Zug bestiegen hatte, drehte er sich gruß- und wortlos um und verließ den Bahnsteig. Ich war schuld. Und nun war ich auch noch an seinem Tod schuld. Schuldig des Doppelmordes an meinen Eltern.

Die Beerdigung war entsprechend traurig. Oder armselig. Oder armselig traurig. Die Kapelle war dunkel, muffig und außer einem langweiligen Blumengebinde, auf dessen Schleife „In ewige Liebe. Dein Sohn“ stand, gab es keinerlei Schmuck. Dass das Wort „ewiger“ in „ewige“ verkürzt worden war, war das einzig Erheiternde an dieser Veranstaltung. Manchmal ist die Ewigkeit eben doch kürzer als man denkt. Ich hatte das Gebinde telefonisch direkt bei der Friedhofsgärtnerei bestellt und es vorher also nicht in Augenschein genommen. Sonst wäre mir dieser Fehler sicher aufgefallen. Der Pfaffe faselte was von Schicksal und von der Sünde, die im Suizid stecke, und dass wir, respektive mein Vater, ja dennoch auf die Vergebung Gottes, wenn auch nicht vertrauen, so doch wenigstens hoffen dürften. Die Hoffnung stürbe schließlich zuletzt. Immer. Aber am Ende eben doch. Dachte ich. Die Musik war noch erschütternder als das, was der Pfaffe von sich gab. Ein etwas morbide anmutender Mittsiebziger quälte das völlig verstimmte und überforderte Harmonium in die musikalischen Niederungen eines „So nimm denn meine Hände“ und eines „Befiehl du deine Wege“, dass es den Komponisten ohne Zweifel nur hätte recht sein können, wenn es sich um ihre eigene Beerdigung gehandelt hätte. Als die quälend lange Trauerfeier endlich zu Ende war und wir den Sarg zum Grab meiner Mutter geleiteten, fing es auch noch an, wie aus Eimern zu regnen. Ich fand das nur konsequent. Der Sarg wurde in die Gruft hinabgelassen und als ich etwas Erde auf die Kiste warf, in der die sterblichen Überreste meines Vaters lagen, erinnerte mich das Geräusch an das Peitschen, das der Teppichklopfer auf meinem Arsch hinterließ. Die Blume, die ich in der Hand hielt, legte ich zum Abschied auf das Grab meiner Mutter.

 Außer mir war noch Tante Hedwig da, weil sie mich nicht allein lassen wollte. Und Onkel Franz, weil er Tante Hedwig nicht allein mit seinem neuen Auto fahren lassen wollte. Meine Cousinen kamen nicht mit. Sie kannten meinen Vater gar nicht.